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Storj

Ist Storj bzw. Tardigrade ein SCAM?

Oder: Wie man ein tolles Projekt gefährdet

Achtung: Der folgende Artikel stellt meine persönliche Meinung dar und hat nicht den Anspruch auf Unfehlbarkeit.

Ich bin seit einiger Zeit beim Storj-Projekt als sog. Storagenode-Operator mit mittlerweile mehreren Nodes dabei. Auf meinem Blog finden sich einige Anleitungen zum Betrieb von Storagenodes. Aber jetzt verliere ich das Vertrauen in das Projekt? Was ist da los?

Die Antwort: Vermutlich ist Storj kein SCAM. Das Projekt existiert bereits seit Jahren und für die aktuellen Zahlungsprobleme gibt es eine logische Erklärung. Trotzdem ist in meinen Augen eine gesunde Skepsis nie fehl am Platze.

Die aktuelle Situation

Die aktuelle Situation ist sicherlich für beide Seiten (also sowohl StorjLabs, als auch die Soragenode-Betreiber) sehr unkomfortabel.
Aufgrund durchschnittlich massiv steigender Gebühren für Transaktionen auf der Ethereum-Blockchain, die auch StorjLabs für seine Auszahlungen an die Storagenode-Operator bezahlen muss, sind die Gebühren mittlerweile bei vielen Micropayments an kleinere Storagenode-Betreiber höher als der eigentliche Betrag der Auszahlung.

StorjLabs pausiert einseitig Auszahlungen

Die Reaktion von StorjLabs auf diese Situation ist, dass 2 (!) – in Worten: zwei – Tage vor dem Auszahlungszyklus im Januar (für die erwirtschafteten Beträge aus Dezember 2020) ein willkürlicher Threshold angekündigt wurde:

Seit Januar 2021 werden nur noch Zahlungen an Storagenode-Betreiber durchgeführt, wenn die Gebühren maximal 25% des Auszahlungsbetrages ausmachen. Sollte man im Monat X keine Zahlung erhalten, so wird der Betrag zurückgehalten (zusätzlich zum ohnehin schon vorhandene Heldback-Amount) und die Einnahmen des nächsten Monats werden später hinzuaddiert. Ist nun die Auszahlungsgrenze erreicht, wird angeblich der Gesamtbetrag ausgeschüttet.

Das Problem: Die Auszahlungsgrenze ist nicht nur willkürlich, sondern ebenso dynamisch und wird vermutlich (aufgrund des Runs auf das Ethereum-Netzwerk) auf absehbare Zeit nicht sinken.

Bild 1: Historische Transaktionspreise im Ethereum-Netzwerk. Quelle: https://etherscan.io/chart/gasprice.

Das bedeutet an einem Beispiel: Wenn ich 40$ mit meinem Storagenode verdient habe, dürfen die Gebühren der Transaktion nicht höher als 5$ sein.

Da Storj ein ERC-20 Token ist, müssen wir uns aber die Gebühren für ERC-20 Transfers anschauen, die zwar auf der Ethereum-Blockchain stattfinden, aber noch einmal teurer sind. Aktuell (12. Februar 2021) liegen sei bei beinahe 20$.
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nur bezahlt wird, wer mindestens 100$ angesammelt hat.

Das bedeutet, dass ein Großteil der Storagenode-Betreiber Monate auf eine Auszahlung wird warten müssen. Viele SNOs generieren wenige Dollar im Monat. Vermutlich werden diese kleineren SNOs mit der Zeit aussteigen, was zu einer Zentralisierung und Konzentrierung des Netzwerkes bei großen Storagenodebetreibern führt. Damit wird im Zweifel die Idee des dezentralen Storagenetzwerks mit vielen kleinen Nodes, die überschüssigen Festplattenspeicher vermieten, konterkariert.

Bild 2: Aktuelle GAS-Preise in Relation zu ERC20 Transfer-Preisen.

Die Zahlungen werden also erst ab einem Threshold durchgeführt.
Zwar sagt StorjLabs natürlich, das die Zahlungen nur “postponed”, also aufgeschoben werden. Faktisch haben viele Storagenodes jedoch bis jetzt seit Dezember keine Zahlungen mehr erhalten, ich finde daher durchaus, das man behaupten kann, dass Storj aktuell nur noch teilweise auszahlt.

Auch wird in den Storagenode-Dashboards weiterhin angezeigt, der Betrag wäre ausgezahlt worden. Hier ist nichts angepasst an „postponed“-Zahlungen und ein zusätzliches heldback. Aber die Zahlungen kann man ja erstmal zurückhalten, sind ja nur die Storagenodebetreiber 😉

Während laut einem Nutzer im Forum im Dezember noch >5000 Transaktionen seitens StorjLabs durchgeführt wurden, sind es im Januar 2021 nur noch >500 Transaktionen gewesen und im Februar 2021 nur noch >200 Transaktionen. Das, sowie eine Vielzahl enttäuschter Beiträge im offiziellen Forum, zeigt die Dimension der Problematik.

Storj steckt den Kopf in den Sand und lässt die Storagenodebetreiber bluten

Das eigentlich traurige an der Situation ist jedoch, dass der ganze Unmut und die Enttäuschung unter den Storagenode-Betreibern, die ja das Rückgrat des gesamten Netzerwerkes bilden, in meinen Augen vermeidbar gewesen wäre.

Das jetzige Desaster ist maßgeblich durch das in meinen Augen unprofessionelle und zumindest unglückliche Verhalten seitens Storj entstanden:

  • Die Entwicklung der Transaktionskosten im Ethereum-Netzwerk kommt in keiner Weise überraschend, sondern war vorhersehbar (siehe auch Bild 1). Man hat keine Vorbereitungen getroffen.
  • Es ist nun der zweite Monat für de Zahlungen zurückgehalten werden. Wieso hat man nicht in dieser Zeit auf biegen und brechen eine Lösung für die Problematik erarbeitet?
  • Man macht es sich nun einfach und begrenzt die Auszahlungen und bürdet die Folgen damit komplett den Storagenodebetreibern auf.
  • Das Erste Zurückhalten von Zahlungen im Januar 2021 wurde ganze 2 (!) Tage vor Inkrafttreten angekündigt und das auch nur im Forum, keine Mail, keine Notification.
  • Storj bewegt sich keinen Zentimeter. Es wird auf dem Threshold beharrt und die Problematik auf “äußere Umstände” wie die hohen Transaktionskosten geschoben. Das man selbst ggf. Fehler gemacht hat, kommt nicht in Betracht.
  • Die Kommunikation läuft schleppend. Es gibt kaum offizielle Statements.

Ärgerlich und unfair dazu: Storj-Tokens gehen durch die Decke

Doppelt ärgerlich ist die Situation, da die Storj-Token, in denen bezahlt wird, seit dem letzten Auszahlungstermin über 80% an Wert gewonnen haben (Stand 12. Februar 2021).
Das heißt, meine Auszahlung, die ich im Januar 2021 erhalten hätte, wäre jetzt gut 80% mehr wert. Dazu kommt, dass einige Storganodebetreiber diesen Wertzuwachs mitnehmen konnten (die, die über dem Threshold lagen), der Großteil jedoch nicht. Hier kann man StorjLabs jedoch keinen Vorwurf machen, da sie die Auszahlung immer in USD berechnen und entsprechend die Token auszahlen. Natürlich sparen sie sich so jedoch nach aktuellem Stand ein paar Token ein 😉

Der Fairness halber: Bisher ist das Storj-Projekt immer stabil gewesen

Bisher hat Storj immer fair und verlässlich ausgezahlt und jeder verdient eine zweite Chance. Vielleicht wird die Problematik schnell und zur Zufriedenheit aller gelöst. Zudem ist StorjLabs mittlerweile ein größeres Team su vielen qualifizierten Mitarbeitern. Das Projekt wird sicherlich überleben und ist bisher auch absolut seriös gewesen. Die Entwicklung geht “straight forward”. Umso unverständlicher ist es für mich daher, wie man all das Erreichte so aufs Spiel setzt.

Und natürlich sind die Transaktionskosten enorm und sicher auch eine Belastung für Storj, würden alle Transaktionen weiter durchgeführt.
Die Professionelle Lösung und die, die den geringsten Schaden anrichtet, wäre meiner Meinung nach jedoch trotzdem gewesen:

Alle Ressourcen auf die Entwicklung alternativer Zahlungsmöglichkeiten zu lenken und bis zu deren Finalisierung in den sauren Apfel zu beißen und die Zahlungen wie gewohnt fortzuführen.

Die Lösungsperspektive

StorjLabs arbeitet an einer Lösung über ein Layer2-Netzwerk, welches die Transaktionskosten auf der Seite von StorjLabs massiv senkt. Damit einher geht jedoch, dass die Übertragung der Token auf ein externes Wallet oder die Auszahlung und die damit einhergehende Gebühr in Zukunft auf die Seite der Storagenode-Betreiber abgewälzt wird. Ob es hier ein Entgegenkommen seitens StorjLabs geben wird, das z.B. eine Fee jeden Monat übernommen wird, bleibt abzuwarten. Aber immerhin hat man sich der Problematik mit dem Arbeiten an zukünftigen Lösungen angenommen.

Ein Nutzer im Forum von Storj hat sich die AGB des angestrebten Layer2-Netzwerks (zkSync) einmal angesehen:

“You release us from all liability related to any losses, damages, or claims arising from: (a) user error such as forgotten passwords, incorrectly constructed transactions, or mistyped Virtual Currency addresses; (b) server failure or data loss; © unauthorized access to the zkSync application; (d) bugs or other errors in the zkSync software; and (e) any unauthorized third party activities, including, but not limited to, the use of viruses, phishing, brute forcing, or other means of attack against zkSync. “

Das klingt in meinen Augen – unabhängig davon, dass man einen dritten Dienstleister an Board holt – nicht unbedingt vertrauensfördernd.

Nichts desto trotz hat das in meinen Augen inakzeptable Verhalten von StorjLabs und das einseitige einbehalten von Zahlungen für Leistungen, die der SNO bereits erbracht hat, massiv vertrauen zerstört.

Ich betreibe mittlerweile 8 Storagenodes und werde dem Projekt die Stange halten, für die Zukunft sehe ich jedoch deutlich dunklere Wolken aufziehen, als noch vor wenigen Wochen – leider selbstverschuldet.

Update 09. März 2021: Eine Auszahlung erhalten

Am 04. März 2021 habe ich dann offensichtlich das Auszahlungslimit (Threshold) überschritten und eine Auszahlung erhalten:

Meine Auszahlungen wurden somit für Dezember und Januar zurückgehalten, bis dann im März mit der Vergütung von Februar das Limit überschritten worden ist.

Damit sollte zunächst klar sein, dass StorjLabs weiterhin auszahlt, nur zunächst bis zu einem (nach wie vor dynamischen) Limit die Vergütung zurück behält.

An meinem Beispiel bedeutet die kurzfristige Entscheidung seitens StorjLabs, die Zahlungen zunächst nicht zu transferieren jedoch in Summe merklich weniger Geld.
Wieso? Ganz einfach. Seit dem Zeitpunkt der ersten zurückgehaltenen Auszahlung im Januar 2021 ist der Preis für einen Storj-Token von knapp 0,30€ (ß8. Januar 2021) auf 0,60€ (04. März 2021) gestiegen. Da StorjLabs immer zum Zeitpunkt der Auszahlung (nicht der fälligen Vergütung) den verdienten Dollar-Betrag in Storj-Token umrechnet und überweist, habe ich für den Zyklus, den ich Anfang Januar hätte ausbezahlt bekommen sollen z.B. jetzt nur die Hälfte der Storj-Token erhalten.

Bild 3: Preis des Storj-Token Anfang Januar 2021.
Bild 4: Preis des Storj-Token Anfang März 2021.

StorjLabs erklärt hier gütig, dass sie die Nutzer keinem Spekulationsrisiko aussetzen wollen, damit . Das ist sehr altruistisch von Storj, jedoch möchte ich diese Entscheidung gerne selbst treffen und nicht vorgeschrieben bekommen.

Nachdem nun klar ist, dass Storj trotzdem weiterhin auszahlt, werde ich weiterhin dem Projekt die Stange halten, jedoch bei der ursprünglichen Auszahlungsmethode bleiben. Die Variante mit zksync ist in meinen Augen einfach nicht ausgereift und zunächst mit sehr heißer Nadel gestrickt. Zudem überwiegen aktuell noch die Nachteile. Ich werde hier zunächst abwarten, wie sich die Geschichte weiter entwickelt 😉

Mein Fazit: Das Verhalten von StorjLabs setzt das gesamte Projekt aufs Spiel

Ich bin tief enttäuscht und das sage ich so ganz offen. Es ist mit unerklärlich, wie eine Unternehmung, die Produkte anbietet, bei denen Vertrauen immens wichtig ist – wie Datenspeicher, Backupspeicher, S3-Datenspeicher – derart agieren und das Vertrauen auf Spiel setzen kann. Es ist nur zu hoffen, dass unter den im Forum aktiven Storagenodebetreibern keine Entscheider oder potentielle Kunden unterwegs sind. Ich würde meine Daten aktuell keinem Projekt anvertrauen, dass nach Gutdünken und unvorhersehbar agiert.

Es wird sich eine Lösung für die Auszahlungen finden, vermutlich werden auch alle Storagenodebetreiber noch zu ihrem Payout kommen – in meinen Augen wird es aber viel schwieriger und unterm Strich auch teurer, das Vertrauen wiederherzustellen.


Quellen:

  • https://forum.storj.io/t/feb-9-2021-monthly-payouts-for-january-2021-have-been-sent/11683/14
  • https://etherscan.io/chart/gasprice
  • https://forum.storj.io/t/feb-8-update-on-sno-payouts-and-high-ethereum-gas-prices/11654
    • Avatar

      Dave

      Schliesse mich dem Kommentar von Kubi an. Top Beitrag und profesionell geschrieben. Genau das was ich zur Situation von Storj gesucht habe. Halte momentan dem Projekt noch die Stange die Frage ist nur wie lange noch.

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